Oneshot: Folge 850 "UNRUHIGE NÄCHTE"

 

Nach wochenlanger Suche hatte Rolands Straßenbahnmethode doch noch Erfolg. Er und Katja haben sich nun endlich getroffen und einen romantischen Abend miteinander verbracht. Obwohl sie sich kaum kennen, wirken die Beiden schon sehr vertraut.
Am nächsten Tag – Roland ist noch in der Klinik – telefonieren sie miteinander „Ich will Dich sehen! Unbedingt!“, doch Katja muss ihn leider vertrösten.
So könnte es weitergehen....

 

Roland hatte einen schönen Abend mit Martin und Kathrin verbracht und kam nun gegen Mitternacht nach Hause. Lisa und Jonas hatten sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen. Roland überlegte, ob er auch schlafen gehen sollte, aber irgendwie war ihm nicht danach. Also machte er es sich im Wohnzimmer bequem, die Stereoanlage lief leise im Hintergrund und seine Gedanken wanderten ganz schnell wieder zu Katja. Er ließ den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren. Er hätte nie gedacht, dass er dieses Gefühl der Verliebtheit nochmals so intensiv empfinden würde und sich die Vertrautheit zu einer Frau, die er kaum kannte, so schnell einstellen würde.
Roland griff zu seinem Handy, er schaute sich Katjas What‘s-App-Profilbild an und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er konnte sein Glück immer noch kaum fassen, es schien ihm, als würde er all das träumen. Plötzlich erschien eine Nachricht auf dem Bildschirm – Katja hatte geschrieben: Schläfst du schon? Ich wollte dir nur kurz eine gute Nacht wünschen. Katja
Roland tippte sofort eine Antwort: Ich liege noch auf der Couch und denke an dich. Dir auch eine gute Nacht! R
Roland blieb noch eine Weile liegen, aber als er merkte, wie ihm langsam die Augen zufielen, beschloss er, ins Bett zu gehen. Seit Pias Tod konnte er oft nicht einschlafen und grübelte nachts manchmal stundenlang. Heute war es ganz anders. Es dauerte nicht lange, da fiel er in einen tiefen Schlaf.

 

Im Traum ging er über eine riesige, blühende Blumenwiese. Die Sonne schien, es war warm. Er war alleine, schien auf der Suche nach etwas zu sein. Plötzlich hörte er eine Stimme hinter sich. „Roland!“, rief sie. Er drehte sich um, um zu schauen, woher die Stimme kam. „Roland!“, rief sie nochmal. Komisch, die Stimme klang wie… Pia. Da stand sie, in einem wehenden Sommerkleid, und strahlte ihn an. Roland traute seinen Augen kaum. Er ging langsam auf sie zu und versuchte, sie zu berühren, doch es war, als würde er durch sie hindurch fassen. Aber sie war da, er sah sie doch ganz deutlich vor sich stehen.
„Schön, dich zu sehen, Roland“, sagte sie lächelnd. „Ich muss dir etwas wichtiges sagen.“
Roland stockte der Atem. Pia war ihm schon sehr oft im Traum begegnet, aber noch nie schien es so real. Er hatte sie immer nur von Weitem gesehen, er hatte nach ihr gerufen, doch nie eine Antwort bekommen und Pia hatte sich stets schnell von ihm abgewandt.
Roland räusperte sich „Pia….“, seine Stimme zitterte.
Natürlich blieb ihr diese Unsicherheit nicht verborgen, sie lächelte ihn aufmunternd an. „Komm, lass uns mal ein paar Schritte gehen“.
Nach kurzem Zögern beeilte Roland sich, Pia einzuholen. Er hatte Angst, sie würde ihn sonst sofort wieder verlassen.
„Gut siehst du aus“, stellte sie fest.
„Danke, du auch!“, Roland konnte seinen Blick kaum von ihr lösen.
„Weißt du, dass ich sehr stolz auf dich bin?!“, Pia strich ihm sanft über den Arm, ein Schauer machte sich in Roland breit. „Die Kinder, die Klinik….“, jetzt war es Pia, deren Stimme zögerlicher wurde. „Ich wäre diesen Weg gerne weiter gemeinsam mit dir gegangen….“
Die beiden schauten sich tief in die Augen, Tränen liefen ihnen über die Wangen.
„Pia, du bist eine wahnsinnig tolle Frau!“, brachte Roland hervor, doch sie fiel ihm ins Wort.
„Und du bist ein wahnsinnig toller Mann! Und darum freue ich mich, dass du und Katja-“ Roland schaute sie perplex an. „Du weißt von Katja?“, fragte er. Diese Unterhaltung wurde ihm immer suspekter. Er unterhielt sich mit seiner Frau – seiner großen Liebe – über eine andere Frau, die sein Herz im Sturm erobert hatte.
„Natürlich weiß ich von ihr“, Pia schmunzelte. „Du glaubst doch nicht, dass mir so etwas entgehen würde, mein Liebster!“
„Und… was… ich meine, Pia...“, Roland wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.
„Sie passt zu dir“, sagte Pia lächelnd. „Ich weiß, dass du manchmal ein schlechtes Gewissen hast, weil es dir vorkommt, als würdest du mich betrügen. Aber das brauchst du nicht.“ Pia sah ihm fest in die Augen. „Ich weiß, dass du mich noch immer liebst und ich liebe dich auch“, sprach sie weiter. „Aber ich kann nicht mehr bei dir sein, so gern ich das auch möchte.“ 
„Pia, du fehlst mir so sehr“, sagte Roland und versuchte noch einmal, nach ihrer Hand zu greifen. Er konnte sie jedoch nicht berühren. 
„Katja ist eine tolle Frau“, sagte Pia und griff ihrerseits nach Rolands Hand. „Sie kann dich glücklich machen. Lass es zu, werde glücklich mit ihr! Sie ist die Richtige.“ 
Roland sah sie sprachlos an.
„Ich muss wieder gehen, Roland. Ich wünsche dir alles Glück der Welt. Nur - bitte vergiss mich nicht.“ 
„Niemals!“, sagte Roland entschlossen. Pias Hand glitt langsam aus seiner und ihr Bild verblasste. 
„Ich liebe dich!“, sagte er noch, dann war sie verschwunden. 

 

Roland schrak auf. Er brauchte einen Moment, bis er realisierte, dass er aufrecht in seinem eigenen Bett saß. Tränen liefen noch immer über seine Wangen und erst langsam wurde ihm klar, dass er Pia im Traum getroffen hatte. Er sah auf seinen Wecker, es war drei Uhr. Sein Blick fiel auf das Bild von Pia, das auf seinem Nachttisch stand. 

 „Danke“, flüsterte er und wischte sich über die Augen. 

 Roland versuchte, wieder einzuschlafen, doch es gelang ihm nicht. Er lag hellwach im Bett und starrte an die Decke. Die Begegnung mit Pia war so real gewesen, er musste fast ein wenig dem Drang widerstehen, nachzuschauen, ob sie irgendwo in der Wohnung war. 

 Nach einiger Zeit stand Roland doch auf und ging ins Wohnzimmer. Er schenkte sich ein Glas Wasser ein und nahm das Album, das Pia ihm vor einigen Jahren zum Hochzeitstag geschenkt hatte, aus dem Regal. Dieses Album war ganz besonders wertvoll für ihn. Nachdem all ihre Fotos und Erinnerungsstücke in ihrem Haus verbrannt waren, hatte Pia ihre gemeinsamen Erinnerungen selbst zu Papier gebracht. 

 Er blätterte vorsichtig durch die Seiten und musste an der ein oder anderen Stelle grinsen. Sie hatten so viel gemeinsam erlebt!

 

Gegen 5 Uhr morgens legte er sich wieder ins Bett und schlief noch einmal einige Stunden richtig gut. Er hatte frei und war um 11 mit Katja zu einem späten Frühstück verabredet. Und er wusste genau, wo er anschließend noch mit ihr hingehen würde. 

 Sie waren wieder im „Vincent“ verabredet. Roland wartete am Tresen, so dass er die Eingangstür keine Sekunde aus den Augen lassen musste. Als Katja das Restaurant betrat, sprang Roland vor Freude auf und eilte auf sie zu. „Darf ich dir den Mantel abnehmen?“, er lächelte sie glücklich an.
Der Kellner führe sie zu einem Tisch, der etwas abseits stand, so konnten sie gewiss sein, ungestört zu bleiben.
„Wie schön, dass du dir so spontan frei nehmen konntest!“, Katja griff nach seiner Hand. „Ich habe dich richtig vermisst!“
„Ich musste auch die ganze Zeit an dich denken und an….“, Roland zögerte.
„Und an…?“, hakte Katja nach.
„Wärst du damit einverstanden, wenn wir nach dem Frühstück zu einem besonderen Ort gehen? Ich möchte dir gerne etwas zeigen“, während er das sagte, streichelte er sanft über Katjas Handrücken und schaute sie verlegen an.
„Natürlich“, sie lächelte ihn aufmunternd an.

Nachdem sie in aller Ruhe gefrühstückt und ihre Zweisamkeit genossen hatten, verließen sie beschwingt das Lokal.
„Wo führst du mich denn hin?“, wollte Katja wissen.
„Vertraust du mir?“, stellte Roland die Gegenfrage.
„Klar….“, Katja schien etwas verwirrt, Roland nahm entschlossen ihre Hand und sie gingen gemeinsam zur nächsten S-Bahn-Station. Die Haltestelle war etwa 5 Gehminuten vom Friedhof entfernt, Roland wollte Katja nicht völlig unvorbereitet lassen.
„Ich würde gerne Pias Grab mit dir besuchen….“, er schaute sie prüfend an, Katja erwiderte seinen Blick, „…und dir etwas erzählen, mir wäre das sehr wichtig. Ist das für dich in Ordnung?“
„Das ist ein großer Vertrauensbeweis, vielen Dank dafür! Ich begleite dich gerne“, Katja gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Erleichtert atmete Roland aus und sie setzten ihren Weg fort.

 

Bis sie an Pias Grab angekommen waren, sagte keiner etwas. Beide hingen ihren Gedanken nach, hielten sich aber den ganzen Weg über fest an der Hand.
Roland blieb vor dem Grab stehen und atmete noch einmal tief durch. „Normalerweise spreche ich immer mit ihr, wenn ich hier bin. Aber jetzt…“ Er wandte sich Katja zu. „Komm, wir setzen uns.“ Er deutete auf eine Bank, die zwischen Pias Grab und dem von Alina und Vladi stand. Jonas und Lisa hatten die Bank aufgestellt. Sie hatte keine Lehne, sodass man auf beiden Seiten sitzen konnte.

 

Roland setzte sich auf die Bank. Katja sagte sie ganze Zeit nichts, sie wollte Roland den Raum lassen, den er möglicherweise brauchte. Deshalb setzte sie sich auch mit genügend Abstand neben ihn und sah ihn aufmerksam an. Sie wollte ihn nicht unter Druck setzen, ihm jedoch signalisieren, dass sie ihm zuhören würde, wenn er zu sprechen begann.
„Ich habe heute Nacht von Pia geträumt“, fing Roland an, zu erzählen. Er starrte dabei nachdenklich auf das Foto von Pia, das neben dem Grabstein stand. „Ich habe sie getroffen. Es war, als wäre sie noch da. Als wäre der Traum Wirklichkeit gewesen. Sie hat mit mir gesprochen, sie hat mir gesagt, dass sie uns beide zusammen gesehen hat.“ Er hielt kurz inne, konnte Katja jedoch nicht ansehen. „Sie hat gesagt, dass du eine tolle Frau bist und dass sie möchte, dass ich mit dir glücklich werde.“ Roland flüsterte fast, doch Katja hatte jedes Wort verstanden. Sie biss sich auf die Lippe, konnte aber nicht verhindern, dass sich eine einzelne Träne aus ihrem Augenwinkel stahl. Rolands Worte hatten sie sehr berührt. Sie war schon immer überzeugt davon gewesen, dass Träume eine wichtige Bedeutung hatten und dies war das beste Beispiel. Roland hatte Pias Segen gebraucht, um sich ganz auf sie einlassen zu können.
„Danke, dass du mir das erzählt hast“, sagte Katja leise, nachdem sie sich wieder einigermaßen gesammelt hatte. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf Rolands. „Das bedeutet mir sehr viel.“
„Ich glaube, Pia und du, ihr hättet euch gemocht“, sagte Roland, hob den Kopf und sah Katja nun endlich in die Augen.
„Ja, das glaube ich auch!“, stimmte Katja zu und lächelte. „Pia wird immer einen ganz besonderen Platz in deinem Herzen behalten und das ist auch richtig so! Ich finde es schön, dass du mich hierher gebracht hast.“
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass du so darüber denkst!“, gestand Roland. „Das ist nicht selbstverständlich!“
Katja war von Rolands Offenheit so gerührt, dass sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte. Schüchtern gab sie ihm einen flüchtigen Kuss. Daraufhin rückte Roland näher an sie heran, legte den Arm um sie und küsste sie innig und liebevoll. Genau in diesem Moment kämpfte sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Katja und Roland lösten sich voneinander und blickten – die Hände ineinander verschränkt – lächelnd zum Himmel.
Katja lehnte ihren Kopf an Rolands Schulter. „Da freut sich jemand ganz besonders für dich!“, flüsterte sie.

 

© Kathrin und Vanessa (2019)